1.Teil: Wenig benutzerfreundlicher Wechsel der Dichtringe an der Propellerwelle vom Saildrive SD60
2.Teil: Konstruktive Lösung für einen einfacheren Austausch der Dichtringe weiter unten auf dieser Seite.
Siehe auch die Videos auf meinen YouTube Kanal: Tipps und Hinweise zur Technik von Segelyachten
Wenn das Saildrive an der Propellerwelle undicht wird und Wasser ins Getriebeöl eindringt, ist ein Wechsel von Getriebeöl und den Dichtringen dringend geboten, wenn man nicht weitere Korrosionsschäden durch Salzwasser im Saildrive zulassen will. Das gilt für alle auf dem Markt befindlichen Saildrives.
Jedoch gibt es beim SD60 Saildrive von Yanmar eine Besonderheit. Wenn man hier die Dichtringe im Lagerschild wechseln will, muss erst ein äußerer Lagerring gezogen werden. Dazu ist spezielles Wissen und Werkzeug nötig.

Der neue Dichtring passt nicht durch den Lagerring.
Zur Erinnerung:
Den Wechsel von Dichtringen beim SD40/ SD50 und die schlechte Qualität der Original Yanmar Dichtringe habe ich hier auf meiner Webseite und auf dem Youtube Kanal schon beschrieben. Auch dass diese Dichtringe sehr schnell anfingen zu rosten und oft nach ein paar Jahren durchgerostet waren.
Yanmar SD 50 Erfahrungen mit den Original Yanmar Radialdichtringe für den SD50 (SD40)
Yanmar SD40 / SD 50 Radialdichtringe wechseln und Lauffläche erneuern
Das Grundprinzip des Dichtringwechsel ist identisch wie beim SD40 / SD50 Saildrive. In diesem Reparaturbericht gehe ich nur auf die wesendliche Unterschiede ein.


Links: Original Yanmar SD50 Dichtring einmal ins Meer getaucht
Rechts: …nach ca. 5 Jahren
Mit dem Yanmar Saildrive SD60 (Hersteller ZF) kam ein neuer Dichtring zum Einsatz, diesmal einer vom Marktführer Freudenberg. Dieser hat zwar auch einen offenen Stützring, jedoch wurde der Stützring mit einem Haftvermittler für den Elastomer bedeckt der auch eine gewisse Rostschutz Eigenschaft besitzt. Laut Aussage von Freudenberg sollte der Rostschutz ca. 5Jahre, je nach Wasserumgebung, anhalten.



Links: Offener Stützring im Originalteil Yanmar SD60
Mitte: Nach 3 Jahren im Einsatz mit großflächigen Rostspuren am Stützring
Rechts: Verrosteter Stützring im SD60 original Yanmar Dichtring. 25x Vergrößerung
Leider hält er nicht die propagierte Zeit. Das deckt sich mit meiner Meinung aus den anderen o.a. Reparaturberichten. Spätestens alle 3 Jahre, z. Bsp. wenn der Unterwasseranstrich erneuert wird, sollten die Radial Dichtringe/ Ölwechsel auch beim SD60 gleich mit gemacht werden.
Was ich dann weiter beim Wechsel der Dichtringe erlebt habe hat mich doch sehr erstaunt. Wie kann man eine solche Konstruktion, die wenig benutzerfreundlich ist, in Verkehr bringen? Denkt in den Konstruktionsbüros niemand an den Abseits vom Weg befindlichen Segler mit diesem technischen Problem, von undichten Radialdichtringen? Dazu kommt das undichte Radialdichtringe am Antrieb, durch Leinen und Angelschnüre, gar nicht so selten vorkommen.
Das Problem:
Der Durchmesser des Dichtrings ist größer als die Öffnung des Lagerrings, siehe das Titelbild und das nachfolgende Bild.
Beim Ausbau ist das nicht unbedingt ein Problem. Die Dichtringe sind eh defekt. Mit einem Seitenschneider kann der Dichtring aufgeschnitten und herausgeholt werden.
Spätestens zum Einbau der beiden neuen Dichtringe muss der Lagerring gezogen und wieder eingesetzt werden. Das erfordert spezielles Werkzeug und ein wenig Erfahrung, die ich hier gerne vermitteln möchte.
Benötigtes Werkzeug:

1: Koffer Lagertreiber/ Dichtungstreiber (mit Scheiben von 18Ø -65Ø und 74Ø)
2: Innenabzieher Nexus 51-7B
3: Gleithammer: Nexus 52-02
4: Selbstbau Tool: Zentrier-Adapter bestehend aus einer 120mm Durchmesser und 30mm dicken Nylon- oder PE-Scheibe mit passenden Zentralloch für den Bolzen des Lagertreibers. Auf einer Drehbank passende Verjüngung zum Einsetzen in den Saildrive Fuß und dem Lagerschild anbringen.
Der Ausbau von Lagerring und Dichtring:

Links: Der Lagerflansch wird in einen Schraubstock gespannt Der Innenabzieher wird unter dem Lagerring positioniert und durch anziehen der Mutter am Innenabzieher gespreizt und so unter dem Lagerring befestigt. Dann befestigt man den Gleithammer an den Innenabzieher. Mit der Hand das Gewicht des Gleithammers fest umschließen und kräftig nach oben schlagen
Rechts: Der Gleithammer stoppt am oberen Griff, der Ruck überträgt sich auf den Lagerring und der kommt nach wenigen Schlägen aus dem Sitz.
Unter dem Lagerring befinden sich dünne Passscheiben. Die werden gerettet und müssen später wieder eingesetzt werden.
Der Einbau der Dichtringe:



Linkes oberes Bild: Dann werden die Dichtringe einzeln in das Lagerflansch (richtig herum, wie neben gezeigt) Der untere Dichtring mit der Schlauchfeder nach unten und der obere Dichtring mit der Schlauchfeder nach oben eingelegt. Mit dem Lagertreiber und der passenden Scheibe, hier 52mm, werden die Dichtringe in den Lagerflansch eingeschlagen.
Rechtes oberes Bild: Der Zentrier-Adapter hat eine Kante die in das Lagerflansch passt und den Eintreiber genau mittig hält. Damit werden die Dichtringe gerade, bis zum Anschlag, in das Lagerflansch geführt.
Sitzen die Dichtringe schräg im Lagerflansch, beschreibt die Dichtlippe eine Wellenbewegung auf der Antriebsachse. Dieses führt zur Undichtigkeit, auch bei einem neuen Dichtring.

Links: Nachdem die beiden Dichtringe eingebaut wurden kommen zuerst die Passringe wieder in den Lagerring-Sitz
Rechts: Dann wird der Lagerring auf den Lagersitz gelegt. Abkühlen des Lagerrings auf -20°C erleichtert das Einsetzen.

Links: Der Lagerring-Eintreiber wird mit der 61mm-Scheibe bestückt und auf den Lagerring aufgesetzt
Rechts: Dann mit dem Zentrier-Adapter den Eintreiber mittig positionieren und den Lagerring mit kräftigen Hammerschlägen eintreiben.
Fazit:
Hier kommt schon eine Menge Spezialwerkzeug zum Einsatz, welches sich bei mir an Bord auch nicht befindet. Mit Hilfe einer gut bestückten Yanmar Service Werkstatt ist der Dichtringwechsel am SD60 kein Problem. So auch die Aussage vom Yanmar Aftermaket Bereich.
Im Januar 2025 hatte ich eine Telefonkonferenz mit ZF (Hersteller des SD60). Da ZF das SD60 mit aller Verantwortung an Yanmar übergeben hat, sind alle Argumente mit Yanmar zu besprechen.
Zu diesem Zweck habe ich Yanmar Europe im Juli und September 2025 in Almere/NL besucht. Im Gespräch mit Yanmar hat mich der Aftermarket Manager auf sein weltweit ausgezeichnetes Händlernetz verwiesen welches den Eignern eines SD60 zur Seite stehen würde. Doch wo ist die kompetente und gut ausgerüstete Yanmar Service Werkstatt, wenn man sich irgendwo im Nirgendwo befindet? Will man hier zusätzlich Abhängigkeiten erzeugen?
Inzwischen sind weltweite Feedbacks zum SD60 eingegangen, aus Malaysia, Neuseeland und weitere aus dem Großraum Süd-Europa (Spanien, Italien, Griechenland) die Probleme mit den Dichtringen hatten. Insbesondere wurde mir aus Griechenland über Probleme mit Langleinen in Küstennähe berichtet. Das Problem ist somit nicht unbekannt.
Die Propellerwelle:
Sollte die Propellerwelle des SD60 fühlbare Einlaufspuren zeigen, sollte ein Sleeve eingesetzt werden, wie das schon im Reparaturbericht "Yanmar SD40 / SD 50 Radialdichtringe wechseln und Lauffläche erneuern" hier auf der Webseite beschrieben wurde. Sind die Einlaufspuren > -0,3mm sollte die Neubeschichtung der Propellerwelle ins Auge gefasst werden. Auch darüber habe ich hier "Saildrive SD40 / SD50 Antriebsachse Laufflächen Refit" schon berichtet.
Die Notlösung:
In vielen Gesprächen mit Seglern und Fachexperten wurde die nachfolgende "Notlösung" dikutiert, die ich aber unisono mit den Fachexperten aus den Werkstätten als zu gefährlich für uns Segler ablehne. Damit die Laien unter den Seglern nicht irgentwelchen Experten auf den Leim gehen, beschreibe ich kurz das Verfahren, warne aber vor der Anwendung.
Segler habe mir berichtet, mangels des gezeigten Spezialwerkzeugs, haben sie das Lagerschild in die Kühltruhe gepackt und nach 6h den Lagerring mit einem Austreiber aus den Lagerschild getrieben. Den Lagerring anschließend in die Kühltruhe herunter gekühlt, die Dichtringe eingebaut und hinterher den kalten Lagerring wieder mit dem Austreiber in den Sitz des Lagerschildes reingetrieben.
Für einen Notfall mag das gehen, aber laut der Meinung der Fachexperten, ist die Gefahr ist sehr groß, dass die Lauffläche des Lagerrings beim Aus- und Einbau, die Lagerring-Führung sowie die Lagerpassringe (die Shims) beschädigt werden könnten. Daher kann ich diese Lösung nicht empfehlen.
2.Teil: Konstruktive Lösung für einen einfacheren Austausch der Dichtringe.
Wir Segler lieben das Reisen und Leben auch etwas abseits von der Zivilisation, wenn auch nur für kurze Zeit im Urlaub. Diese Unabhängigkeit lebe ich auch im Winterlager, wenn ich mir Gedanken um eine funktionierende Lösung mache. Die konstruktiv einfachste Problemlösung besteht darin einen Dichtring zu verwenden, der durch den Lagerring passt.

Links: Original Yanmar Dichtring passt nicht durch den Lagerring.
Rechts: Kleinerer Dichtring mit 48mm.
Nach der Meinung der Freudenberg - Experten ist ein Standard-Dichtring mit 48mm Außendurchmesser durchaus geeignet. Die Dichtlippe hat vergleichbare Eigenschaften wie die Originalgröße eines Dichtrings mit 52mm Durchmesser.
Das Ziel ist somit die Konstruktion einer Reduzierhülse. Das Material der Hülse muss aus einem vergleichbaren Material wie das Saildrive bestehen, um die Bildung eines galvanischen Elements zu verhindern. Sie muss passend zum Lagerflansch und zum Radial-Dichtring von 48mm gefertigt werden.

Einbau der Reduzierhülse:
Um die Reduzierhülse einzubauen muss nun letztmalig der Lagerring, wie schon gezeigt, gezogen werden. Dann werden die Dichtringe ausgebaut und den Sitz der Dichtringe mit 600er Schmirgel von Ablagerungen befreit.
Dann das Lagerschild auf ca. 80°C im Backofen oder mit dem Heißluftfön erwärmen und die Reduzierhülse auf Raumtemperatur belassen. Würde die Reduzierhülse heruntergekühlt, würde sich die Luftfeuchte gleich auf der Oberfläche niederschlagen und als Trennmittel für das Dichtmittel fungieren. Beim Ausbau der Dichtringe mit einem Austreiber könnte man den Sitz der Dichtringe beschädigen. Zur Sicherheit wird daher die Hülse von außen und der Sitz der Hülse im Lagerschild mit der dauerelastische Dichtung Dirko HT dünn eingestrichen. Das dichtet die Reduzierhülse im Lagerschild vor eindringendem Meerwasser ab.


Die Hülse ist einseitig angeschrägt, damit die Radialdichtringe leichter in die Hülse eingesetzt werden können. Die Schräge zeigt in den Bildern nach oben (innen ins Saildrive).
Links: Die Hülse mit der Schräge nach oben in das Lagerschild legen. Mit dem Eintreiber, einem 52mm Stempel und dem Zentriertool die Hülse in das Lagerschild eintreiben.
Rechts: Die Hülse sitzt nun im Lagerschild.


Links: die 1 oder 2 Passringe wieder in das Lagerschild einlegen. Dann mit dem Eintreiber, einem 61mm Stempel und dem Zentriertool den Lagerring in das Schild eintreiben. Nun ist das Lagerschild bereit zur Aufnahme eines 48mm Lagerrings.
Damit ist der Einbau des SD60-Propellerwelle-Radialdichtring-Upgrade-Kit abgeschlossen. Die vielen vorher gezeigten Werkzeuge sind nicht mehr notwendig. Der Austausch der Radialdichtungen ist jetzt genause einfach wie bei einem SD40 / SD50 oder vielen anderen auf dem Markt befindlichen.Saildrives.
Radial Dichtringwechsel mit dem SD60-Propellerwelle-Radialdichtring-Upgrade-Kit:
Die alten Dichtringe werden mit einem Austreiber und einem Hammer aus dem Lagerschild getrieben. Bitte vorsicht damit die Hülseninnenwand nicht beschädigt wird. Dann die Hülseninnenwand mit 600er Schmirgelleinen von Kalkablagerungen befreien, sauber putzen und einfetten.

Nun werden die beiden 48mm Dichtringe, den ersten mit der Schlauchfeder nach unten, den zweiten mit der Schlauchfeder nach oben, eingelegt und einzeln mit dem Eintreiber-Tool aus dem Upgrade-Kit in die endgültige Position gebracht.
Die Dichtlippen beider Dichtringe großzügig mit seewasserfestem Fett einschmieren, jedoch nicht den Zwischenraum füllen. Es muss sich eine Druckdifferenz bilden können.
Auch den Dichtring von der Seewasserseite nicht mit Fett füllen. Die Dichtlippe des Radial-Dichtring läuft auf der Welle, erwärmt sich und wird vom Seewasser geschmiert und gekühlt.
Versetzen der Dichtringe:
Sollte die Propellerwelle Einlaufspuren von den Radialdichtringen von >0,3mm aufweisen, können die Dichtringe mittels einer Kunststoff Scheibe aus dem Upgrade Kit um 2mm versetzt werden und damit wieder auf einem unbeschädigten Stück der Propellerwelle dichten.

Es hat sich bei mir die nachfolgende Reihenfolge bewährt:
Immer wenn die Einlaufspuren >0,3mm waren:
1: Die Dichtringe um 2mm versetzen.
2: 2mm Ring raus; Sleeve auf die Welle aufziehen.
3: Die Dichtringe um 2mm auf den Sleeve versetzen.
4: Neu beschichten ( Dann sind 20 Jahre um)
SD60-Propellerwelle-Radialdichtring-Upgrade-Kit:

Ein SD60 Propellerwellen-Dichtungs-Upgrade-Kit enthält:
1. Dirko HT dauerelastische Dichtungsmasse
2. Eintreiber-Tool
3. Aluminium Hülse
4. Zwei voll mit Elastomer umschlossene Dichtringe 48mm Durchmesser
5. 2mm Abstandsring.
6. Zwei O-Ringe zum Abdichten des Lagerflansch.
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Haftungsausschluss:
Diese Anleitung wurde nach bestem Wissen und Gewissen anhand einem von mir selbst durchgeführten Reparatur/ Wartung durchgeführt und verschriftlicht.
Die Anleitung wurde sorgfältig von mir erstellt und geprüft. Es wird keine Haftung für die Anwendung dieser Anleitung oder für Beschädigungen, die durch diese Anleitung oder Teile entstehen, übernommen.
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Jochen Brickwede im September 2026